Die im Schloss Thun kurzerhand verbotene Kalligraphie-Ausstellung „Schöne Freuden“ von Andreas Schenk hat überraschend Ersatzräumlichkeiten von privater Seite in der Thuner Altstatt erhalten!
Am kommenden 1. Dezember 2011 findet die untersagte Vernissage in den Räumlichkeiten der oberen Hauptgasse 62, bzw.durch den Eingang am Aarequai neben der Meserschmiede Schoder um 17h statt.
Wie auf der Website des Basler Kalligraphen ANDREAS SCHENK zu lesen ist, wurde eine geplante Ausstellung im Schloss Thun kurzerhand abgesagt, weil seine Werke anscheinend zu erotisch sind!
Lesen Sie nachfolgend den Kommentar von der Website des Künstlers:
Die Schlossobrigkeit spielt Sittenpolizei im Thuner Schlossberg
ABSAGE DER VERNISSAGE UND AUSSTELLUNG VON ANDREAS SCHENK IM SCHLOSSBERG 4, AM 25. NOVEMBER 2011.
Einjährige Zwischennutzung des Schlossbergs Thun
In den „Zwischenräumen“ im Schlossberg Thun sind die Obrigkeitsgeister am Kettenrasseln. Der politisch heiss umstrittene Schlossbergverkauf an die Schlossberg Thun AG (Hans-Ulrich Müller) ist seit Frühjahr 2011 amtlich verbrieft. Die Räume im ersten Stock des ehemaligen Statthalteramtes werden momentan für eine einjährige Zwischennutzung von Madeleine Stucki für ihre Coachings und das Projekt „Zwischenräume“ gemietet. Die Projektidee beinhaltet verschiedenste Aktivitäten: Lesungen, Konzerte, Ausstellungen, Vorträge und Diskussionsrunden zu allen Lebensthemen.
Prominente Künstlerinnen und Künstler in Thun
Christine Lauterburg hat die „Zwischenräume“ mit ihrem Outdoor-Konzert zur Einweihung des einjährigen Projektes angestimmt. Anfang November war Maggie Tapert, Sexepertin aus Zürich, zu Besuch in Thun. Sie hat aus ihrem Buch „PLEASURE Bekenntnisse einer sexuellen Frau“ lustvolle Leckerbissen nach Thun gebracht und damit einer illusteren Schar von Zuhörern einen fröhlichen und unbeschwerten Abend bereitet.
Zuviel Erotik, Sexualität und Sinnlichkeit
Aufgrund eines Artikels im “20 Minuten” über diesen gelungenen Anlass meldete sich die Schlossberg Thun AG: für die Besitzerin der Räumlichkeiten war dies zu viel Erotik und Sexualität. Deshalb untersagt sie die kommende Ausstellung des international bekannten Kalligraphen und Künstlers Andreas Schenk aus Basel, der am 25. November an seiner Vernissage die Bilder „Schöne Freuden“ in den Räumen dem Publikum präsentieren möchte. Letzte Woche wurde Madeleine Stucki informiert, dass sie künftig ausser ihren Coachings keine öffentlichen Aktivitäten in den Räumlichkeiten mehr durchführen darf und die Ausstellung absagen muss.
Zwar haben sowohl der Thuner Gemeinderat wie auch die Schlossberg Thun AG sich bereits vergangenes Jahr positiv zur öffentlichen Nutzung des Schlossbergs geäussert: „Der Zugang zu den öffentlichen Bereichen inklusive Schlosshof wird unverändert erhalten bleiben. Öffentliche Veranstaltungen auf dem Schlossberg sind weiterhin erwünscht…“.
Offenbar würden aber solche Anlässe die Seriosität der Schlossberg Thun AG in Frage stellen und das Schlossprojekt mit Hotel und Seminarangeboten gefährden. Erstaunlich daran ist allerdings, dass Madeleine Stucki die verantwortliche Person bei der Schlossberg Thun AG zu den Events eingeladen hat. Damals störte sich niemand daran.
Mündige Thunerinnen und Thuner
Sind die Thunerinnen und Thuner nicht mündig genug, um sich mit den Themen Sexualität und Sinnlichkeit vernünftig auseinanderzusetzen? Sind potentielle Investoren wirklich nicht aufgeklärt genug, um den Weizen von der Spreu zu trennen? Verträgt die Stadt Thun nicht auch noch eine Prise Ironie und Sinnlichkeit? Vielleicht schon – aber wohl nicht bei den „Oberen im Schloss“. Über Geld darf man sich dort oben ungeniert unterhalten – aber über Sexualität sollte Mann und Frau sich bitteschön anderswo auseinandersetzen.
Sollte sich die Schlossberg Thun AG und die Stadt Thun nicht sogar über innovative Projekte freuen? Sich freuen über bekannte Persönlichkeiten, die in Thun ihr Schaffen einem breiteren Publikum zeigen, Kurse und Vorträge halten und ihr Wissen und ihre Kunst dem Berner Oberland näher bringen? Könnte nicht gerade diese Vielfältigkeit und Offenheit ein Weg sein „den Charakter des Schlossberges als Wahrzeichen und Anziehungspunkt zu stärken“ wie es Hans-Ulrich Müller möchte. Er sagte selbst: „Ursprünglich war das Schloss ein Symbol der Feudalherrschaft. Doch später erstritt die Schweiz die Volksherrschaft. Der Schlossberg muss im symbolischen Sinn im Besitz der Thuner bleiben. Sie sollen weiterhin Zugang zu ihm haben, sind sie doch nebst den Mietern die wichtigsten Nutzer.“
So weit so gut – Fakt ist, dass die ausgeschriebene Vernissage vom 25.11.2011 abgesagt wurde. Wie und wo die tollen Bilder von Andreas Schenk zu sehen sind, ist zurzeit noch ungewiss – auch ungewiss ist, wie das Projekt „Zwischenräume“ weitergehen wird.
Die Website von Andreas Schenk:
www.kalligraphie.com
Und hier das unzensierte Werk:
Persönliches Statement zur Absage
von Andreas Schenk
Sinnvolle Grenzen unterstützen Wachstum und Kreativität, lebensfeindliche Strukturen bringen keine Ergebnisse.
Es kann ja nicht sein, dass in der heutigen Zeit eine Bruderschaft von Bürokraten darüber entscheidet, was in der Öffentlichkeit moralisch ist und was nicht, und hierbei deutlich die vom Gesetzgeber formulierten Schranken überschreitet. Wir sind doch hier nicht mehr im Zeitalter der Inquisition, oder doch?
Der stattfindende Workshop, der letztlich dazu dient, einer Gruppe von interessierten Menschen die Hintergründe sowie Arbeitsweise der Kreativitätsfindung näher zu bringen, und die damit verbundene repräsentative Ausstellung ist eine freie Interpretation von Alltäglichem, Zeitgemässem, von aktuellen Themen, die eine nicht kleine Gruppe von Zeitgenossen beschäftigt.
Seit der Gründung der Eidgenossenschaft ist die Schweiz stolz auf ihr landvogtfreies Dasein. Und wenn wir uns heute beugen vor gesichts- und namenlosen Geldvögten, dann müssen wir ernsthaft über unsere Bücher gehen!
Hunderttausende junger Eidgenossen haben auf den Schlachtfeldern für gerade diese Freiheit, für eine freie Meinungsäusserung, für einen freien Dialog ohne vorgesetzten Schleier ihr Leben geopfert!!!
Die sowohl freie wie auch befreiende Sichtweise auf die Sexualität und die Erotik in der Kunst findet erst dann Bedeutung, wenn sie unzensiert dem interessierten Menschen zugänglich gemacht werden kann.
Zurückhaltung und Selbstkontrolle sind gut, aber sie dürfen niemals weder andere noch sich selbst unterdrücken.
Ich respektiere in allen Fällen den Besitz und den Wissensstand anderer Menschen und würde nie auf die Idee kommen, meine Gedanken meinem Nächsten aufzudrängen, möchte sie ihm aber auch nicht vorenthalten. Jeder ist frei, sich das zu Gemüte führen zu dürfen was ihn interessiert und was sein Wesen weiterbringt.
In diesem Sinne erinnere ich an eine Reichskristallnacht mit ihren Folgen und appelliere an die weitsichtige Vernunft, sich künftig lieber anderen, viel „unmoralischeren“ hochaktuellen Tagesthemen zu widmen, die mit Sicherheit eher dem gewohnten Terrain jener Entscheidungsträger entsprechen.
Andreas Schenk




