3. Februar 2011
Lagebericht aus Kairo von Hans-Peter Ginter

Eigentlich wusste man schon seit längerer Zeit, dass hier in Aegypten etwas passieren würde. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wurde immer spürbarer und die Kritik an der Regierung immer grösser. Korruption, massiv steigende Lebensmittelpreise, steigende Arbeitslosigkeit (speziell bei den Jugendlichen), massive Übergriffe der Polizei sind nur einige Punkte, die die Unzufriedenheit der Bevölkerung anwachsen liess.

Und irgendwann musste es zum Ausbruch von Unruhen kommen. Das Tüpfelchen auf dem i waren wahrscheinlich die manipulierten Parlamentswahlen vor einigen Wochen verbunden mit massiven Behinderungsversuchen und Einschüchterungen der Opposition. Dass sich Aegypten weigerte, neutrale Wahlbeobachter zuzulassen, unterstreicht eigentlich nur meine Einschätzung.

Am 25. Januar, am Tag der Polizei, explodierte dann die aufgestaute Wut in massiven Protesten in Kairo und andern Städten Aegyptens. Hunderttausende gingen auf die Strasse, obwohl die Regierung Internet, Mobilephonverbindungen usw. kappen liess. Die Idee dahinter war klar: Den Demonstranten die Möglichkeit zu nehmen, sich zu organisieren. Aber es war zu spät. Ab Dienstag fanden überall in Aegypten absolut friedliche Demonstrationen statt. Ein Höhepunkt dann war der letzte Freitag, an welchem alle Aegypter aufgerufen wurden, nach dem Freitagsgebet auf die Strasse zu gehen und zu demonstrieren. Und sie kamen um friedlich gegen die Regierung Mubarak zu demonstrieren - 2 Millionen sollen es gewesen sein. Sie forderten seinen sofortigen Rücktritt. Die ganze Situation eskalierte erst, als die Sicherheitsbehörden angewiesen wurden, mit allen Mittel und aller Härte gegen die Demonstranten vorzugehen. Das Resultat: Ueber 150 Tote und mehr als 800 Verletzte an einem Tag.

Am Abend dann war der Spuk vorbei. Die Sicherheitskräfte waren plötzlich wie vom Erdboden verschwunden und hinterliessen ein Vakuum, welches erst nach und nach von der Armee aufgefüllt wurde. Dieses Vakuum wurde dann von kriminellen Elementen (6000 Schwerverbrechern gelang die Flucht aus den Gefängnissen) dazu benutzt, Plünderungen und Brandschatzungen zu verüben. Die Regierung rief dazu auf, selbst für den Schutz von Eigentum und Leben zu sorgen.

So wurden in vielen Aussenquartieren von den Bewohnern Strassensperren aus den verschiedensten Materialien errichtet und Bürgerwehren übernahmen die Bewachung, bewaffnet mit Schlagstöcken, Messern, Schaufeln, Baseballschlägern, aber auch mit Schusswaffen. Diese Strassensperren werden noch immer aufrecht erhalten und auch die Bürgerwehren sind jeweils ab Beginn der Ausgangssperre im Einsatz. Dass diese Massnahmen richtig sind, beweisen die Schüsse und Schusswechsel, wie sie immer wieder zu hören sind

Bis gestern Mittwoch verliefen die täglichen Demonstrationen äusserst friedlich, bis Pro-Mubarak Anhänger auf den Plan traten und massiv gegen die Mubarak-Gegner vorgingen. Es kreisen die bisher unbestätigten Gerüchte, dass diese Pro-Mubarak Demonstranten von der Regierung geschickt wurden und dass darunter auch viele Sicherheitsbeamte in Zivil gewesen sein sollen. Und wieder kam es zu Strassenschlachten mit mehreren Toten und hunderten von Verletzten. Mubarak selbst hat in einer Fernsehrede verlauten lassen, im September nicht mehr für das Amt des Präsidenten antreten zu wollen und Reformen sofort einzuleiten, aber nicht jetzt abzutreten.

Dies aber genügt den Demonstranten nicht, Sie wollen den sofortigen Abgang Hosni Mubaraks.

Für mogen Freitag ist wieder eine Grossdemonstration geplant und man rechnet wieder mit 1-2 Millionen Teilnehmer. Und wieder ist die Gefahr gegeben, dass es zu Strassenkämpfen kommen wird, sofern die Sicherheitsleute nicht den Befehl erhalten, sich zurückzuhalten und die überall sichtbare Armee darauf achtet, dass diesem Befehl nachgelebt wird.

Sonst werden wir am Abend wieder Tote und Verletzte zu beklagen haben.

Jedermann hofft nun, dass der Präsident auf seinen Entscheid zurückkommen und den sofortigen Rücktritt bekanntgeben wird.

Der Vizepräsident und die neue Regierung hätten dann Zeit a) nochmalige Parlamentswahlen durchzuführen und b) die Präsidentenwahlen im Herbst zu planen

Voraussetzungen für einen kleinen Schritt in eine doch etwas mehr demokratische Zukunft des Landes.

Hans-Peter Ginter Kairo

Anmerkung der Redaktion:

Hans-Peter Ginter und seine Frau Charlotte haben bereits früher viele Jahre in Aegypten gelebt. Nachdem Sie mehrere Jahre in Laufen wohnhaft waren, hat es die beiden vor 3 Jahren wieder in ihr geliebtes Aegypten gezogen, wo sie in der Nähe von Kairo ein Restaurant mit Schweizer Spezialitäten betreiben.

Trotz all der Unruhen fühlen sich Hans-Peter und Charlotte Ginter derzeit noch sicher in ihrer Wahlheimat. Das Restaurant ist derzeit allerdings geschlossen, da sowieso Abends eine Ausgangssperre herrscht.

Dieser Nachtrag von uns für alle Leser, welche die Ginters persönlich kennen, und sich so wie wir Sorgen um sie gemacht haben oder noch immer machen.

 

 

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