Online; rund um die Uhr!
Gestern lauschte ich im Tram einem Gespräch zweier betagter Mitfahrerinnen. Die Dame mit lustiger Mütze sagte: "Du, mein Enkel der ist ja Banker...", da unterbricht die Unbemützte: "Oha, ja zum Bäcker muss ich ja auch noch!". Da wurde die gut behütete etwas lauter: "Nein, er arbeitet auf der Bank und der ist immer online. Den ganzen Tag aber auch zu Hause!" Die ohne Hut schüttelte mitleidig den Kopf, als hätte der Enkel ihrer Gesprächspartnerin etwas unanständiges angestellt.
Dabei ist das doch völlige Normalität. Wer von Ihnen ist nicht mindestens zehn Stunden am Tag online? Hand hoch! Ich meine mit Onlinesein nicht ständig vor dem Computer hocken, jede Minuten was auf Facebook posten oder täglich tausend Mails schreiben. Ich meine damit; sein Handy überall hin mitnehmen. Auch das bedeutet online zu sein! Erreichbar! Die, welche das Handy auch mal zu Hause lassen oder es am Tag ausschalten, können nun ihre Hand runter nehmen. Die können aber auch gleich den Handyvertrag künden und das Gerät nach Indonesien spenden. Ein Handy ist dafür da, dass man es überall hin mitnimmt; nur so am Rande.
Wir alle sind immer online. Das ist heute so üblich und gehört zum Alltag, wie der Stau vor der Galerie Schweizerhalle. Es ist mir schon bewusst, dass Menschen aus Generationen in denen man noch von Hand Briefe geschrieben hat, oder das "Facebook" das wöchentliche Treffen in der Dorfbeiz war, ihre liebe Mühe mit der modernen Welt haben. Natürlich kann man darüber den Kopf schütteln. Aber als die Kopfbedeckte Dame aus dem Tram stieg, bemerkte ich ihren kleinen Hund, den sie an der Hundeleine hinter sich her zog.
Da rief ich ihr nach: "Sehen Sie? Auch ihr Fiffi ist online...."
Wöchentliche Kolumne von
Renato Salvi
Schauspieler, Regisseur, Autor
www.renatosalvi.net
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